Figurengruppen Auerbachs Keller Leipzig – Mädler Passage

WISSENSWERT

Wenn man sich heute Leipzigs bekannter Mädler-Passage vom Stadtzentrum her nähert, wird man zur einen Seite von »Faust und Mephisto«, zur anderen von den »Verzauberten Studenten« begrüßt. 1913 schuf der Leipziger Bildhauer, Grafiker und Maler Mathieu Molitor (1873–1929) im Auftrag von Anton Mädler beide Bronzefigurengruppen, um den Gästen den Weg in Auerbachs Keller zu weisen. Beide Plastiken illustrieren die »Auerbachs Keller Szene« aus Goethes berühmten Meisterwerk »Faust I«.

Laut Goethe war es Mephisto, der den trübsinnigen Faust – mit Vergnügungen jeglicher Art – auf andere Gedanken bringen wollte:

Mephistopheles:

„Ich muss dich nun vor allen Dingen
In lustige Gesellschaft bringen
Damit du siehst wie leicht sich’s leben lässt
dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest
So lang der Wirt nur weiter borgt,
Sind sie vergnügt und unbesorgt.“

Als Mephistopheles den armen zechenden Studenten Frosch, Brandner, Siebel und Altmayer anbietet, sich ihren Lieblingswein aussuchen zu dürfen, sind sie zwar sehr überrascht, zugleich aber recht angetan. Mit einem Zauber kann er sie tatsächlich glauben machen, aus dem Tisch, den er angebohrt hat, fließe Wein. Als Siebel etwas verschüttet, und eine Flamme aufsteigt, schlägt die ausgelassene Stimmung jedoch um. Die jungen Gesellen sind empört und rasend vor Wut, wollen sich auf Mephisto stürzen, der sie sogleich mit den Worten:

„Falsch Gebild und Wort
verändern Sinn und Ort!
Seid hier und dort!“

verzaubert. Nun sehen sie sich inmitten eines Weinbergs voller Trauben, die sie sogleich ernten wollen. Allerdings fallen sie sich stattdessen gegenseitig an, ziehen ihre Messer und fassen sich bei den Nasen. Erst als Mephistopheles sie mit:

„Irrtum, laß los der Augen Band!
Und merkt euch, wie der Teufel spaße.“

vom Zauber erlöst, werden sie sich ihrer Gewahr und fahren erschrocken auseinander.

Frosch (Student):
„Wo ist der Kerl? Wenn ich ihn spüre,
Er soll mir nicht lebendig gehn!“

Altmayer (Student):
Ich hab ihn selbst hinaus zur Kellertüre – Auf einem Fasse reiten sehn –


Doch Auerbachs Keller ist nicht zuerst deswegen berühmt, weil Goethe (1749-1832) hier war, Goethe war hier, weil Auerbachs Keller schon lange vor seiner Zeit – weit über die Stadtgrenzen hinaus – bekannt war.

Als im Jahr 1525 der anerkannte Mediziner, Universitätsprofessor, Philosoph, Humanist, Reformer, Stadtrat und Kaufherr – Dr. Heinrich Stromer aus Auerbach (1482-1542) – im Weinkeller seines Hauses damit begann, Wein an Studenten auszuschenken, nahm eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte ihren Lauf. Binnen kurzer Zeit wuchs sein Keller zu einer beliebten Schankwirtschaft heran. Hundert Jahre später ließ Stromers Urenkel, Johann Vetzer, den Keller erweitern und 1625 mit zwei Tafelgemälden von Andreas Bretschneider ausstatten. Diese zeigen zwei Sujets aus der sagenhaften und schon viele Jahre zuvor kursierenden Legende von Doktor Faustus, wie sie erstmals in der sogenannten »Erfurter Reihe zur Historia von 1589« schriftlich überliefert wurden:

Studenten in Wittenberg baten den Dr. Faust, mit ihnen nach Leipzig zur Messe zu gehen.
„Als sie nun zu Leipzig hin und wieder spazierten, die Universität samt der Stadt und Messe besahen, gingen sie an einem Weinkeller vorüber, da waren etliche Schröter (= Männer, die Weinfässer auf- und abladen) über einem großen Weinfasse, ungefähr von 16 oder 18 Eimern (Anm.: Ein Eimer waren in Sachsen 75,8 Liter), und wollten es aus dem Keller schroten, konnten es aber nicht heraus bringen, das sah D. Faustus, sprach: Wie stellet ihr euch so leppisch und ist euer so viel, könnt doch wohl einer allein dieses Fass heraus  bringen, wenn er sich recht dazu schicken wüste. Die Schröter wurden unwillig solcher Rede halben, und warfen mit unnützen Worten um sich, weil sie ihn nicht kannten,... Als aber der Weinherr vernahm, was der Zanck war, sprach er zu Fausto und seinen Gesellen, Wohl an, welcher unter euch das Fass allein wird heraus bringen, dem soll es sein."

„Faustus war nicht faul, ging bald in den Keller, setzte sich aufs Fass als auf ein Pferd, und ritt es also schnell aus dem Keller, darüber sich jedermann verwunderte. Da erschrak der Weinherr, vermeinte nicht, dass solches wäre möglich gewesen, musste aber doch seine Zusage halten, und Fausto das Fass mit Wein folgen lassen, der gab es seinen Wandersgesellen zum besten, die luden andere gute Freunde dazu, hatten etliche Tage lang einen guten Schlampamp davon, und wussten vom Glück zu Leipzig zu sagen.“ 


Die beiden Tafelgemälde vom »Fassritt« und vom »Schlampamp« kann man seither in Auerbachs Keller bewundern. Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der von 1765 bis 1768 an der Leipziger Universität studierte, wird diese Bilder gesehen haben. Ob es diese Gemälde, der Wein oder auch die illustren Gäste waren, die ihn zu seiner »Auerbachs Keller Szene« inspirierten, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen.

Wahrscheinlich war es eine zauberhafte Mixtur aus allem.

Mittlerweile sind die Bronzefiguren zu einem echten Wahrzeichen von Leipzig und beliebter Selfie-Spot geworden. In Molitors Studenten-Ensemble stehen die Figuren so ineinander verkeilt, dass erst beim zweiten Blick auffällt, dass anders, als in Goethes Szene beschrieben, nur drei junge Gesellen dargestellt sind. Molitor hat die gegenüberliegenden Bronzegruppen so gekonnt balanciert, dass das optische Gleichgewicht in der harmonisch gestalteten Mädler-Passage erhalten bleibt und nur drei Studenten dargestellt.

Fausts leicht vorgestellter linker Schuh glänzt golden und ist heute zu einem Glücksbringer avanciert. Denn jeder, der im Vorübergehen über den Schuh streicht, holt sich auf diese Weise das Versprechen, irgendwann einmal wieder gesund nach Leipzig zurückzukehren.


Mehr von Auerbachs Keller gibt‘s hier in unserer Video Impression:

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